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 O t t o  M u e l l e r – D e r  E i n z e l g ä n g e r

Diese Ausstellung kann als repräsentativer Querschnitt durch das Gesamtwerk des Künstlers gesehen werden, auch wenn sie nur im Rahmen der Verkaufsausstellung einer privaten Galerie stattfindet. Das hat nicht zuletzt seinen Grund darin, daß die Galerie Nierendorf dem Werk Otto Muellers seit Jahrzehnten verbunden ist. Wenn auch in der alten Galerie Nierendorf zwischen 1920 und 1947 keine Einzelausstellung mit seinen Werken stattfand, so war er doch in ihrem Angebot immer präsent. 1927 zeigte die Galerie zum Beispiel als erste die 9 Farblithographien ZIGEUNER. Das auf Seite 51 des Kataloges abgebildete Foto wurde 1926 in der Galerie Nierendorf von Bruno Schuch aufgenommen.

Seit dem Neubeginn der Galerie ab 1955 ist das Werk Otto Muellers ein zentrales Anliegen meiner Tätigkeit. Absoluter Höhepunkt war 1974 die Publikation seines Graphischen Gesamtwerks als Ausstellungskatalog zum 100. Geburtstag des Künstlers. Seit 1957 ist dies seine 8. Einzelausstellung in unserer Galerie. Da ich in der Mehrzahl der Kataloge zu diesen Ausstellungen bereits einleitende Texte verfaßt habe, fällt es mir nicht leicht etwas Neues zu schreiben, was von allgemeinem Interesse ist.Außerdem fanden in den letzten Jahren umfassende Einzelausstellungen statt, zu denen repräsentative Kataloge publiziert wurden. Sie enthielten zahlreiche kompetente Texte der betreffenden Sachkenner. Vor allem der Katalog zu der großen Retrospektive in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung/München von 2003. Diesem war die DVD des Werkverzeichnisses der Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen Otto Muellers von Dr. Mario-Andreas von Lüttichau und Dr. Tanja Pirsig beigefügt.

Natürlich gibt es bei einem so bedeutenden Werk, wie es das von Otto Mueller ist, viele Aspekte, die darzustellen von großem Interesse sind. Mir liegt es nicht, Werke von Künstlern zu deuten und komplizierte Schlüsse zu ziehen, was ihre Schöpfer sich beim Schaffensprozeß gedacht haben mögen, oder welche symbolischen Inhalte in ihnen verborgen sind. Da meiner Meinung nach die wichtigsten expressionistischen Künstler beim Schaffen ihrer Werke ihr Bewußtsein weitgehend ausschalteten und derartige Inhalte überwiegend aus dem Unterbewußtsein in die Darstellungen eingeflossen sind, bleiben die „Deutungen“ doch zumeist im Bereich der Spekulation. Auch der Künstler selbst kann gegenüber seinen Werken nicht wirklich objektiv sein.

In den zahlreichen Publikationen über Otto Mueller ist man sich darüber einig, daß er ein konsequenter Einzelgänger war. Unangepaßt und gegen jeden Zwang, sei es Schule, Lehrstelle, Akademie oder irgendeinen „Kunststil“ seiner Zeit. Doch zweifellos muß man ihn auch der großen Zahl der deutschen Expressionisten zurechnen, sowie der kleinen Künstlergemeinschaft Brücke, deren Mitglied er war. Es ist aber nicht schwer, diesen Gegensatz zu erklären: Expressionismus war eigentlich kein Stil sondern eher ein Lebensgefühl der Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Befreiung von akademischen und gesellschaftlichen Zwängen. Wie anders soll man es sonst verstehen, daß sich ein Teil der Künstler dem Geistigen, Nichtsinnlichen zuneigte und dem Wirklichen, dem Gegenständlichen immer weniger Platz in ihren Werken einräumte bis zur Ungegenständlichkeit. Der andere Teil der Expressionisten betonte das Sinnliche, das Gegenwärtige, den Rausch aus dem Innersten der Seele. Das manifestierte sich im Überquellen der Farben und Formen. Es war das Ergreifen des Wirklichen mit allen Fasern der Seele und der Sinne. Viele Abstufungen zwischen diesen beiden Extremen in dem vom Künstler gefundenen und für seinen Ausdruck als adäquat realisierten „Stil“ können also als „expressionistisch“ akzeptiert werden. Dies nur wenn der betreffende Künstler aus seinem Innersten heraus, unabhängig und „unverfälscht“ seinen Gefühlen Ausdruck und Form verlieh. Genau in diesem Sinne ist Otto Mueller ein ganz konsequenter Expressionist, mehr als viele die oft nur zeitweilig und „stilistisch“ beim Expressionismus mitgemacht haben.

Ich bin davon überzeugt, daß die Bedeutung des Werkes von Otto Mueller künftig noch weit höher eingeschätzt wird als heute. In seinem Werk gibt es keine von einem Schaffenszeitraum abhängige Brüche und Abstufungen. Die Qualität seiner Arbeiten steigerte sich bis zu seinem Lebensende. Auch dies unterscheidet Otto Mueller von den meisten expressionistischen Künstlern seiner Zeit. Er war ein Einzelgänger. Es wäre an der Zeit, ihm auch außerhalb Deutschlands eine große Retrospektive zu widmen.

                                                                                                        

Florian Karsch

 











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