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Die Lumpen-Elite

Ungefähr hundert Jahre währte eine teilweise blutige Auseinandersetzung um das beste Szenarium für die Zukunft und um die wirksamste Art und Weise, die Menschenmassen zu leiten. Man hat die Varianten des kriegerischen Kommunismus erprobt, des korporativen Staates, der zentralisierten Demokratie nach dem sowjetischen Beispiel, die Varianten des Nationalsozialismus, der offenen Gesellschaft, die in direkter Verbindung mit der Marktwirtschaft stand, die Varianten des föderativen Staates, des konföderativen Staates und so weiter. In der Folge ist das XX. Jahrhundert damit zu Ende gegangen, daß die Begriffe " Demokratie" und "Liberalismus" ihre Bedeutung als Ideal der gesellschaftlichen Entwicklung verloren haben und sie sich in ihrer rein mechanischen und instrumentalisierten Bedeutung dargeboten haben.

Noch vor 30 Jahren hatte der Bürger in das Wort "Demokratie" den Gedanken hineingelegt, der identisch gewesen war mit dem Begriff "Freiheit". Und vor 70 Jahren sind die Bürger gegangen, um für die Demokratie zu sterben, wobei sie annahmen, daß sie für die Freiheit sterben - und plötzlich haben die Bürger entdecken müssen, daß jene, gegen die sie kämpften, sich auch als freie und demokratische Bürger empfanden. So waren sich die Bürger der Sowjetunion in ihrer großen Mehrheit sicher, daß in der UdSSR Demokratie herrscht. Aber auch im Westen herrschte Demokratie! Und worin lagen nun der Gedanke und das Ziel des Kalten Krieges? Oder gibt es mehrere Demokratien und jedes Volk hat seine eigene? Oder vielleicht durchlebt die Demokratie Entwicklungsphasen und keine dieser Phasen ist der vorangegangenen ähnlich? Heute hat der Bürger plötzlich verstanden, daß die Demokratie nur eine Verwaltungsmethode ist, und daß nichts Ideales in dieser Methode ist. Churchill hat einmal einen Satz gesagt, den man gerne zitiert: "In der Demokratie gibt es viele Mängel, aber eine bessere Staatsform hat man nicht erfunden." Und das ist genauso berechtigt wie die magische Äußerung von Lenin, der sagte: "Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist." Es ist nicht schwer zu bemerken, daß beide Sentenzen einen beschwörenden Charakter in sich tragen. Plötzlich hat es sich gezeigt, daß das Wort "Demokratie" überhaupt gar keine Beschwörung gegen den Totalitarismus ist, sondern wir haben erkannt, daß die Demokratie in sich selbst die Körner des Totalitarismus enthalten und unterdrücken kann.

Es wäre naiv zu bestreiten, daß der Beginn des XX. Jahrhunderts gekennzeichnet war durch die langsame Abwendung vom religiösen Glauben in der westlichen Welt, die jedoch in ihrem Konflikt mit dem gläubigen Osten ihr ganzes Selbstbewusstsein aufbringen musste - doch der Glaube war im Schwinden begriffen. Das, was den Glaubensinhalt der westlichen Zivilisation ausmachte, das, was bis zu einem bekannten Maße die Religion ersetzt hatte, das, was den Anspruch erhoben hatte, nicht nur ein soziales Modell sondern der Ausdruck eines allgemeinmenschlichen Humanismus zu sein, - unsere heilige Demokratie! - hat plötzlich aufgehört, heilig zu sein.

Diese Krise stellen wir der Krise der christlichen Ideologie in der Zeit der Reformation gegenüber, und der Zweifel an der Qualität der auf den Markt geratenen demokratischen Ablaßhandlungen - das ist es, was das Herz der Krise ausmacht.

Nicht darin liegt das hauptsächliche Unglück, daß die Aktien von Gazprom im Preis nach oben schnellen und der Markt der Wertpapiere volatil ist, sondern darin, daß die Aktien der wichtigsten westlichen Gesellschaft namens "Demokratie" plötzlich ihren Wert verloren haben. Man kann eine zusätzliche Trillion Dollar drucken und man kann sogar die Inflation besiegen. Aber wie ist die ideologische Inflation zu besiegen?

Niemand wird abstreiten, daß die Ereignisse der letzen Jahre an die Analyse der Demokratie erinnern, die einstmals Platon durchgeführt hatte. Jene antike Demokratie, die damals der Welt dargeboten wurde, hat sich in eine Ochlokratie und Tyrannei gewandelt: Sokrates ist durch ein demokratisches Gericht verurteilt worden! Was die Römische Republik betrifft - so ist die Dynamik, mit der der republikanische Konsul zu einem Imperator wurde, allzu gut bekannt. Und im heutigen Russland ist es schon üblich, Putin mit Augustus zu vergleichen.

Heute wünschte sich die Opposition plötzlich, den Obersten des KGB, der die Demokratie repräsentiert, seines Amtes zu entheben - doch verändert dies etwa die Kraft der Dinge, durch die der Oberst der Staatssicherheit zum Präsidenten eines demokratischen Landes werden konnte? Und was soll man kurieren - die Geschwüre oder die Syphilis?

In Russland schmerzt diese Frage so sehr wie noch nie. Wir haben doch etwa nicht für den Kapitalismus ohne Gewerkschaften gekämpft? Für die Macht der Oligarchen? Um eine Klassentrennung der Gesellschaft, die nicht einmal der stümperhafteste Sozialismus kannte? Und die Korruption ist doch nicht etwa die Grundlage der Demokratie? Und wenn das nicht so ist - warum gibt es dann keine Alternativen zur Macht der Korruption? Es hat sich gezeigt, daß der soziale Vertrag dürftig ist, der es zugelassen hat, daß ein elender Sozialismus zerstört ist und ein neuer Gesellschaftsvertrag noch nicht geschlossen worden ist. Diesen nun leeren Platz nimmt zielstrebig eine nationalistische Ideologie ein.

Es hat sich gezeigt, dass die Stimme des Blutes jene einzige Sprache ist, in der die Menschen einander noch verstehen. Wenn dieser soziale Vertrag zerstört wird - dann bleibt keine andere Sprache zur gegenseitigen Verständigung mehr übrig.

Heute, wenn man gar nicht anders kann, als sich an die Weimarer Republik zu erinnern, heute, wenn die Stimme des Blutes so mächtig klingt, wie in den Dreißiger Jahren, dann erwärmt uns nur noch die eine Hoffnung: In der heutigen Welt des Finanzkapitalismus und des Auswechselns von Symbolen gibt es keine zerlumpte Klasse mehr, die zum Motor eines neuen Faschismus werden kann - so wenigstens beruhigen wir uns.

Das Proletariat hat sich aufgelöst und ist in die Klasse der Manager übergegangen. Folgerichtig existiert kein Lumpenproletariat mehr. Das Eigentum an dem Instrument der Arbeit bewegt niemanden mehr, da die Arbeit, die über die Grenzen der globalen Welt hinausgetragen worden ist, hin an eine fremde, unwirtliche Peripherie, schon nicht mehr den Inhalt der Zivilisation ausmacht. Wir schätzen bereits nicht mehr das Endergebnis, wir verfügen über Symbole - und Symbole sind ungefährlich. Denn in der Welt des Austausches von Symbolen kann man sich immer einigen!

Doch es gibt die Lumpenklasse! Und diese Klasse bestimmt den Verlauf der modernen Geschichte - und zwar unvergleichlich viel mächtiger als jene Lumpenklasse der 30er Jahre. Die neue Lumpenklasse, die bereit ist, die Welt zu opfern, das ist die aus dem Lumpenproletariat entstandene Elite.

Das erst Resultat der Politik der Globalisierung - das ist die Bildung einer Elite, die nicht mehr zu einem bestimmten Land gehört, die sogar nicht einmal mehr von einem bestimmten Machtregime abhängig ist, das sich über die Geschichte erhoben hat, über die Kultur und über die Tradition. Wenn damals das Lumpenproletariat eine Gefahr dargestellt hatte, die von unten her kam, aus den unteren Gesellschaftsschichten, so stellt heute das von der Gesellschaft isolierte Lumpenproletariat eine Gefahr dar, die doppelt so groß ist.

Die Besonderheit der Lumpen-Elite liegt darin, daß sie ihre eigene parallele Geschichte geschaffen hat und ihre eigene Meta-Sprache - diese ist für die Gesellschaft ebenso unverständlich wie die Schreie der Masse für die Elite unverständlich sind. Das, was wir heute mit dem magischen Wort "Avantgarde" bezeichnen, hat schon längst nur noch dekorative Funktionen und trägt keinerlei Verantwortung mehr für die realen gesellschaftlichen Prozesse.

Einstmals haben sich die Künstler deshalb radikal genannt, weil sie fortgehen wollten aus dem Kunstsalon, hin zur realen Problematik des Lebens. Heute nennt sich die Kunst radikal insoweit, als sie möglichst weit vom Leben entfernt ist und zu einer künstlichen Sprache geworden ist. Dieser neue demokratische Salon ist zu einem vollendenden Element der neuen gesellschaftlichen Konstruktion geworden - von heute an spricht die von der Gesellschaft unabhängige Lumpen-Elite in ihrer ganz eigenen Sprache, freudig und ausgelassen, ohne das zu bemerken, was die Welt sagt.

So etwas hatte es schon einmal gegeben: die gebildete Welt sprach in einem künstlichen Latein, während die Plebejer barbarische Dialekte benutzten. Und der große Dante hatte einstmals den Schritt in Richtung auf die italienische Sprache getan, indem er die ganze Welt zwang, an der "Göttlichen Komödie" teilzunehmen. Die heutige Welt hat den Schritt fort von der allgemeinen Sprache getan - in Richtung auf eine künstliche Sprache. Wir haben nicht mehr jene Ethik, - weder die christliche noch die demokratische - die den Bettelarmen mit dem Reichen verbunden hätte. Und entsprechend gibt es auch kein Bewertungskriterium mehr. Die Welt der Werte verschiedener Kategorien ist zusammengebrochen - und schauen Sie, was aus den Ruinen erwächst!

Bis zu welchem Grad sich sogar die Demokratie, die als Komponente des Marktes verstanden wird, als verantwortlich für das Auftreten dieser neuen Lumpen-Klasse erwiesen hat, werden wir sehr schnell erfahren.

Die Ereignisse entwickeln sich zielstrebig, und wir, die wir am Rande des Kraters sitzen und zuhören, wie unten die Lava brodelt, denken, dass wir für immer die Gefahr überwunden haben, daß die liberalen Werte für immer gesiegt haben.

Schauen Sie heute von Neuem auf jene, die unsere heutige Welt gebaut haben - auf Lenin und Stalin, auf Hitler und Churchill; schauen Sie auf jene, die an ihre Stelle getreten sind - auf Putin und Berlusconi, auf Blair und Sarkozy, auf Bush und alle übrigen. Sind Sie sicher, daß wir im Verlaufe des langen XX Jahrhunderts gekämpft haben für eben dieses Resultat? Sind Sie wirklich sicher?

Übersetzung: Monika Juhr Berlin im März 2011 Maxim Kantor
In dem nun begonnenen Jahrhundert hat der instrumentale Charakter der demokratischen Macht dazu gezwungen, zurückzuschauen auf jenen Kampf, den die Menschheit mit sich selber geführt hat. Man muß sich fragen, was genau das Ziel dieses Kampfes gewesen ist.

 











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